Ästhetisch-politische Lektüren zum Fall Wagner.

Rezension zu Erik M. Vogt.


Cover

Für Theodor W. Adorno fungierte das umfangreiche theoretische und künstlerische Werk Richard Wagners über dreißig Jahre hinweg als Fallstudie. Adorno präsentierte dabei Überlegungen auf das Verhältnis von Kunst und (proto-)faschistischer Politik oder analysierte das innere Beziehungsgeflecht von modernem Kunstwerk und Kulturindustrie. Der in den Vereinigten Staaten und Wien lehrende Philosoph Erik Vogt legt nun daran anschließend unter dem Titel Ästhetisch-politische Lektüren zum Fall Wagnereine wichtige Studie zur Wagnerrezeption vor, die Adorno gekonnt aufgreift und weiterdenkt. Das von Friedrich Nietzsche eröffnete und mittlerweile kaum noch überschaubare philosophische Dossier zum Fall Wagnerwird – soviel vorweg genommen – durch diese inhaltlich fulminante aktuelle Publikation um sehr wichtige Facetten bereichert.

Erik M. Vogt verzichtet auf musikologische Prätentionen. Stattdessen werden die politisch-ideologische Debatteund die Diskussion über Musik und Philosophieaufgegriffen. Die um das Ästhetische und Nationalekreisenden Reflexionen werden gezielt ausgespart, wodurch es den Leserinnen und Lesern wesentlich erleichtert wird, sich in der sehr komplexen Thematik zurecht zu finden. 

 

Der Autor dieses Buches spricht sehr bescheiden von einer kommentierenden Fußnote zu Adornos Wagner-Deutung und deren kritischer Wiederaufnahme und Fortführung in den Schriften von Philippe Lacoue-Labarthe, Slavoj Žižekund Alain Badiou.  Bescheiden deshalb, da Vogt seine Leser zielsicher nicht nur in Debatten einführt, sondern ihnen auch noch komplexe Tiefenschichteneröffnet, ohne sie dort überfordert zurück zu lassen.

Vogts Ausgangspunkt sind die facettenreichen Wagner-Reflexionen Adornos. Diese sind im ersten Abschnitt präzise und originell herausgearbeitet und nachgezeichnet. Über diese sorgfältige (Re-)Lektüre erarbeitet Vogt in einem ersten Schritt die Rezeptionsgeschichte Adornos zu Wagner. Im zweiten Schritt auf seinem Weg sucht und findet der ausgewiesene Adorno-Kenner die Spuren von Adornos Auseinandersetzung mit Wagner bei den drei Philosophen Lacoue-Labarthe, Žižekund Badiou. Zudem liefert er eine fundierte Beschreibung, wie deren eigenes Verhältnis von Philosophie, Kunst und Politik konzipiert ist.

In der Wagner-Deutung von Adorno ist der zentrale Grundbegriff bzw. der Grundaffekt jener der Ambivalenz. Angesprochen ist damit die Verschränkung des Progressiven und des Regressiven einerseits und die dieser Verschränkung einzig angemessene Rezeptionshaltung andererseits. Vogt konstatiert, dass Adorno seine verschiedenen Interventionen in den Fall Wagnervon Anfang an im Sinne einer Rettung Wagners konzipierte. Deutlich sichtbar wird dabei das von Adorno aufgegriffene und sorgsam eingesetzte Verfahren der immanenten Kritik.

 

Im zweiten Abschnitt werden Texte zum Fall Wagnerdes noch immer spärlich übersetzten französischen Philosophen Philippe Lacoue-Labarthe einer Analyse zugeführt. Dabei wird der Versuch einer Rekonstruktion von Lacoue-Labarthes Auseinandersetzung mit Adornos Wagner-Deutung und dessen Ästhetik im Allgemeinen unternommen. Vogt zeigt die nahezu unüberbrückbare Kluft im Werk beider Philosophen, die sich vor allem im unterschiedlichen philosophischen Zugang zu Auschwitz manifestiert. Den Leserinnen und Lesern wird eröffnet, dass Lacoue-Labarthes Ablehnung von Adornos Positionierung nicht nur problematisch ist, sondern sie sich zudem gleichzeitig an jener des Versuches über Wagnerorientiert hat. Da überrascht es natürlich nicht, dass der Autor bedacht und unerhört souverän weitere Überschneidungen zwischen dem Werk von Adorno und jenem von Lacoue-Labarthe benennt.

Auch die Wagner-Deutung Slavoj Žižeksfolgt weitgehend Adornos Versuch über WagnerŽižekgreift, so Erik Vogt Adornos ideologiekritische Analyse des Wagner’schen Liebestodes im Tristanauf und macht diesen für seine Grundhypothese, dass Wagners Sexualpolitik die Matrix für seinen antisemitischen Protofaschismus darstellt, nutzbar. Damit ist ein Protofaschismus angesprochen, der erkennbar wird in der Wagner’schen Inszenierung des Verhältnisses von Gesetz und (erotischer) Überschreitung und der zudem Wagners perverses Christentum erklärt, das beispielsweise im Parsifaldeutlich sichtbar wird. 

In den Ausführungen zu Žižek wird jedoch auch verdeutlicht, dass in den späteren Schriften des slowenischen Philosophen die Bezugnahme auf den Protofaschismus schwindet und das Wagner’sche Werk nun als eine (unbewusste) Theorie des Faschismus entschlüsselt wird.

 

Im abschließenden Abschnitt rücken Alain Badiou’s Auseinandersetzungen mit Adornos Wagner-Bild ins Zentrum von Vogts Überlegungen. Badiou argumentiert, dass sich Adornos Konstruktion des Falles Wagnermit Lacoue-Labarthes Konstruktion des Wagnerianismus deckt, da beide die mythologischen, technischen und totalisierenden Züge von Wagners Kunst hervorheben.

Vogt erkennt, dass Alain Badiou sich der Frage von Wagner bei Adorno dadurch annähert, dass er die Negative Dialektikals legitimen Deutungsrahmen heranzieht. Badiou liest Adorno vornehmlich als Denker der Nichtidentität. Dieser Umstand erklärt nicht nur Adornos negatives Wagner-Bild, sondern auch seine Präskription einer informellen Musik ‚nach Auschwitz’. Einige Widersprüche in der Adorno-Lektüre Badious werden ebenso präzise benannt. Zudem wird deutlich, dass Wagners Musik bei Badiou zu einer genuinen Zeitschöpfung fähig ist und dass die Erläuterungen des französischen Philosophen eben auch eine politische Lektion beinhalten. Damit ist gemeint, dass sich die Frage der transformativen Struktur von Wagners Musik auf jene in der Politik bezieht.

 

Fazit

Die enorme philosophische Leistung von Erik M. Vogt ist, dass er ein Tableau zeichnet, in welchem erkennbar wird, in welchem Maß das Denken von Slavoj Žižek, Philippe Lacoue-Labarthe und Alain Badiou in Zwiegesprächen mit Adorno verwickelt ist. Die vorgelegte Publikation verführt sehr dezent dazu, sich der Grundlagen des eigenen Denkens über eine Thematik zu besinnen, ihnen ins Auge zu blicken und anschließend in eine Selbstprüfung zu münden. Dabei ist hervorzuheben, dass Erik M. Vogt ein stilsicherer Übersetzer ist. 

Seine Formulierungen sind wohltuend präzise; sollte vielleicht sogar aufgrund dieser Denkschärfe an manchen Stellen eine Überforderung eintreten, so kann die Leserin und der Leser sich darauf verlassen, dass Vogts Text umgehend wieder zur Hilfe eilt und nicht verloren im Wagner-Dickicht zurücklässt – eine wohltuende Gewissheit.

 

Erik M. Vogt

Ästhtisch-politische Lektüren zum »Fall Wagner«

Adorno – Lacoue-Labarthe – Žižek – Badiou

 

Verlag: Turia+Kant / Wien

255 S., € 32,- 

ISBN 978-3-85132-789-2


Zum Verlag:

http://www.turia.at/titel/vogt8.php

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