Das Lächeln der Mutter auf den Lippen der Tochter.

Rezension.

Ein unsichtbares Band verbindet mitunter zwei Menschen und eben dieses unsichtbare Band, geliebt oder gehasst, spinnt sich immer zwischen Mutter und Tochter. Die Existenz dieser Verbindung ist schwerlich nachweisbar, da das Band im Verborgenen bleibt, und dennoch: sein Bestehen ist unbestritten. Doch wie ist dieses Band zu fassen? Der Einsatz ist ein hoher, denn um die Dynamik dieser Verbindung nicht zu gefährden, darf den subtilen Wirkungsmechanismen dieser Verbindung keinesfalls ihre Sprache geraubt werden. Die Salzburger Erziehungswissenschafterin Andrea Bramberger wagt einen Versuch. 
Um an den komplexen Sachverhalt der Visualisierung und Theoretisierung des unsichtbaren Bandes – der Beziehung – heranzugehen changiert die Autorin zwischen verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen. Bramberger, in Transdisziplinarität geschult, greift zielsicher jene Felder auf, die zur Erhellung der Problemstellung beitragen können. Insofern haben wir es bei dem vorliegenden Band mit einem avancierten Zugang zu Erziehungswissenschaft zu tun. Pädagogik ist also nicht zum Verstauben verdammt. 

Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Annahme, dass die Mutter-Tochter-Beziehung grundlegend ambivalent ist. Sie unterscheidet sich wesentlich von anderen Beziehungen, sie ist immens bedeutsam. Selbst die Rede darüber ist mächtig, aufdringlich und findet immerfort statt. Das ist die Situation, so die Autorin. Mutter-Tochter-Beziehungen sind in theoretische Konzepte zur Geschlechter- und zur Generationendifferenz gewoben, werden über sie konstruiert und zugleich erklärt. Die Beschreibung der Beziehungen modifiziert sich mit der Veränderung der theoretischen Konzepte. An diesem Umstand lässt sich ersehen, dass die Mutter-Tochter-Beziehung kein starres, sondern vielmehr ein historisch und kulturell wandelbares, realitätsmächtiges Phänomen ist. Das nährt die Vorstellung, dass nichts daran notwendigerweise so sein muss, wie es ist, und dass die Beziehung auch wie immer anders sein können.
 
In Anlehnung an Maria Frisé ist das Spezielle an der Mutter-Tochter-Beziehung der Umstand, dass dieser Beziehung immer große Nähe und tiefe Verbundenheit, aber eben auch Rivalität und Abgrenzung, Loslassen, Entfremdung und Wieder-Zueinanderfinden, die Liebe, Hass und Mitleid inhärent sind. Diese Naturalisierung von Sozialem, also die radikale Internalisierung einer Verwandlung von Geschichte in etwas natürlich Gegebenes, ist, wie bereits der französische Literaturwissenschafter Roland Barthes zeigte, ein Mythos. Eben dieser Mythos schaff aber die Komplexität der menschlichen Handlung ab. Die Mutter-Tochter-Beziehung ist einer dieser Mythen, anders formuliert: eben diese Beziehung ist nicht natürlich. Um dies argumentativ zu unterstreichen, zieht Andrea Bramberger literarische Auseinandersetzungen heran und bespricht hierfür im ersten Teil des Buches Texte von Cordelia Edvardson und Elisabeth Langgässer. 

Die Schriftstellerinnen Cordelia Edvardson und Elisabeth Langgässer nehmen beide die traditionsreiche Auseinandersetzung mit der Mutter-Tochter-Beziehung kritisch auf. Beide beziehen sich ausdrücklich auf den Mythos von der Mutter-Tochter-Beziehung und auf seine realen Konsequenzen für die Lebenswirklichkeit von Müttern und Töchtern, ohne ihn zu reproduzieren; mehr noch: Sie legen ihre Biographien und die Verstrickung in die Mythen, über die sie schreiben, offen. Ein zentraler wiederkehrender Inhalt dieser Texte ist einerseits die Schwierigkeit und die Sehnsucht des Findens einer Sprache zwischen Mutter und Tochter und andererseits und ganz besonders das Finden einer Sprache über diese Beziehung. Es ist die Notwendigkeit zu sprechen (bzw. zu schreiben) und selbst aktiv zu werden, so die prinzipielle Forderung von Edvardson. Erst dadurch wird die Beziehung diskursfähig. Andrea Bramberger folgt dieser Aufforderung unermüdlich – nicht um praktikable Lösungen zu finden. Dieser Anspruch wäre absurd. Vielmehr geht es um den Versuch die Lügen und Heimlichkeiten, die Situationen innerhalb der Mutter-Tochter-Beziehung umgeben, zu zerreißen. Damit erhalten die Beteiligten die Chance ihre Würde zu bewahren und damit die Opposition Betrügerin versus Betrogene aufzulösen. 

Welche Lügen und Heimlichkeiten in der Mutter-Tochter-Beziehung sollen über die kritische Rede überhaupt aufgedeckt werden? Wie sieht die Mutter-Tochter-Beziehung traditionell aus? Welche Bilder, welche Geschichte verbinden sich damit? Diesen Fragen geht die Autorin im zweiten Abschnitt nach. Sie zeigt darin, dass die Mutter-Tochter-Beziehung von Geschlechter- und Generationsfragen strukturiert wird. Die Bestimmungen und Annahmen zu Weiblichkeit und Mütterlichkeit und zum Verhältnis von Frauen zu ihren Kindern und Kindern zu ihren Müttern sind einem historischen Wandel unterworfen und sie verknüpfen sich an unterschiedlichen Punkten. Damit wird die Beziehung variabel. 

Indem Bramberger das Bild der idealen Mutter diskutiert, entlarvt sie den Mythos um dieses Bild vollkommen, indem sie den historischen und anthropologischen Blick anwendet, fördert sie die ideologisierte Sicht auf Frau allgemein und Mutter im Speziellen zu Tage. „Die Frau bringt die Mütterlichkeit, den Pflegeinstinkt, das Veredelnwollen als eine Naturanlage mit.“ Diese Aussage datiert aus dem Jahr 1928 und stammt von Eduard Spranger, der damit ein Politikum, von dem die abendländische Gesellschaft seit der Aufklärung durchdrungen ist, als Tatsache darstellt. Erschreckend ist Brambergers Beitrag zu den Magdalenenheimen, da in diesem die ideologisierte Rolle der Frau und Mutter deutlich zu Tage tritt und gezeigt wird, dass der scheinbare Naturinstinkt der Mütter – veredeln, pflegen und das Kind zu lieben – eben nicht allen Müttern zugesprochen wurde. Magdalenenheime sind Institutionen, die der Kirche angeschlossen sind und von geistlichen Schwestern verschiedener Orden geleitet wurden. Sie waren zum Schutz Prostituierter geschaffen und nach Maria Magdalena benannt worden. Nach dem 19. Jahrhundert vollzog sich jedoch ein Wandel und die Magdalenenheime dienten der Internierung gefallener Mädchen. Unverheiratete Mütter, junge Mädchen denen man sexuelles Interesse attestierte, Frauen, die die kollektiven Weiblichkeitsvorstellungen nicht hinnahmen, sie alle wurden dort untergebracht. Im Vordergrund stand also der Schutz der Gesellschaft vor sündigen Frauen. 

Das Leben der Frauen bestand aus Gebet und vor allem unmenschlich viel Arbeit. Sklavinnenarbeit in den Magdalene Laudries, wo die Wäsche von Schulen, Hotels, Krankenhäusern und Privatpersonen gewaschen wurde. Selbstverständlich wurden die Frauen nicht entlohnt. Das Geld ging an die Klöster. Die Frauen der Magdalenenheime arbeiteten also für eine Gesellschaft, die ihnen jede andere Form der Teilhabe verwehrte. Sobald ihre Kinder geboren und ein paar Monate alt waren, wurden sie ihnen weggenommen, zur Adoption freigegeben oder in den Waisenhäusern, die oftmals gleich neben den Magdalenenheimen lagen, untergebracht. Das letzte irische Magdalenenheim wurde 1996 geschlossen.

Magdalenenheime sind auch als symbolische Tötung von Frau/Mutter zu lesen, symbolische Tötungen, denen sich Bramberger ebenso zuwendet. Imaginierte und symbolische Tochter- und Muttermorde sind zwei bedeutsame Themen in der Mutter-Tochter-Dyade in literarischen Werken, Lebenswirklichkeiten und theoretischen Analysen abendländischer Gesellschaften. Mutter und Töchter verschlingen einander in Liebe oder in Hass, sie besetzen, besitzen einander, sie spiegeln sich ineinander und sie zerstören sich, löschen einander aus. Müssen Mütter und Töchter einander fürchten, weil im Hintergrund Phantasien von Scheitern, Zerstörung, Mord, Totschlag und Auslöschung den Mythos um diese Beziehung nähren? Ist diese ambivalente Beziehung gar krankmachend Krankhaft, so der Schluss von Andrea Bramberger, ist mitnichten die Beziehung per se. Als Alternative bietet sich jedoch die Reflexion an; das Sprache-Finden. Dies ist eine Reflexion, die die angenommene Natürlichkeit in Frage stellt und die vorliegenden Muster aufbricht und eben nicht Mütter, Töchter und ihre Beziehung als teuflisch inszeniert. Die Reflexion, die, Georges Bataille folgend, sich hart an der Grenze bewegt, dort wo Verstehen sich auflöst, bietet eine Form der Freiheit, die zumindest eine Perspektive darstellt.

Im abschließenden Abschnitt wagt Bramberger dreizehn Interpretationen. Es ist eine wunderbar breit angelegte Auswahl von Texten. Faszinierend sind die Analysen zu Jelineks Klavierspielerin oder zu Jane Campions The Piano um nur zwei Beispiel zu nennen. Hervorzuheben sind jedoch Brambergers analytischer Blick und ihre zielsicheren Interpretationen, die mitunter im Verführen der eigenen Leserschaft kulminieren. Sie verführt zu eigenen Interpretationen, zur Lektüre der Ausgangstexte, kurzum: zur Reflexion. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass sowohl die politischen als auch die sozialen Machtverhältnisse eine Ohnmacht evozieren, aus der es kein Entrinnen gibt – an allerwenigsten jedoch dann, wenn die Idee eines prinzipiellen Schuldigwerdens der Mütter a ihren Kindern, die sich mit der Vorstellung von einer omnipotenten Mutter verknüpft, nicht als ein Mythos entlarvt wird. 
Das Lächeln der Mutter, das sich auf den Lippen der Tochter widerspiegelt, kann als Metapher für einen freien Blick gelesen werden, der – und das wissen wohl beide – völlig frei nie sein kann. In jenem Lächeln der Mutter, das sich über die Tochter spiegelt, fortsetzt oder modifiziert, verbergen sich Möglichkeiten zwischen Müttern und Töchtern, die zu keiner Zeit vorgegeben sind, sondern stets neu zu entdecken und zu erdenken bleiben.

Nach der Lektüre des Buches von Andrea Bramberger ist man mit dem Echo einer Liebeserklärung konfrontiert. Die Autorin ist behutsam, sorgsam und zu keiner Zeit aufdringlich, lässt das unsichtbare Band existieren, umgarnt es, greift es auf, spinnt es neu, zeigt, welche Möglichkeiten in ihm stecken, es offenbart. Gelegentlich erschrickt man, es sind dies jene Momente innerhalb einer theoretischen Auseinandersetzung, die die Leser erstarren lassen, dann, wenn die Theorie den Punkt trifft, um ihn sogleich wieder loszulassen und ihm von neuem nachzugehen Andrea Brambergers Auseinandersetzung kommt einer Liebeserklärung in all ihren Facetten gleich, denn die Liebe provoziert die Hassliebe: die Momente der Ohnmacht sind permanent vorprogrammiert. Sich ihnen zu stellen bedeutet eine Spur von Freiheit. Es ist ein wahrliches Vergnügen an Andrea Brambergers sensibler Hand durch ihren wunderbaren Text geführt zu werden.

Bramberger, Andrea (2007): Das Lächeln der Mutter auf den Lippen der Tochter.
Freiburg: Centaurus Verlag. 124 Seiten. Preis: 17,90€ 

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