Das Netz als Ideologie.

Rezension.



Niemand scheint daran zu zweifeln: Wir leben im Zeitalter der Informationsgesellschaft. Doch welche Entwicklungsschritte wurden vollzogen, ehe die Menschen die Legitimität dieses Begriffs anerkannten? Welche (historischen) Prozesse waren für das Entstehen der Informationsgesellschaft zentral? Ein Schwerpunkt von Mattelarts Analyse der Vorgeschichte zur Informationsgesellschaft liegt auf geopolitischen Fragestellungen. Das Konzept der globalen Informationsgesellschaft entwickelte sich als Alternative zu den beiden sich feindlich gegenüberstehenden Systemen des Kalten Krieges vor dem Hintergrund der These vom Ende der Ideologien.
Die Entstehungsgeschichte der Informationsgesellschaft kann nicht ausschließlich auf technische Errungenschaften fokussiert werden. Die vorliegende Studie versucht die unterschiedlichen Machtkonstellationen in den verschiedenen Zeitperioden zu verdeutlichen. Lange bevor der Begriff "Information" im modernen Sprachgebrauch auftauchte, existierte die Vorstellung einer mittels Wissen und Information geregelten Gesellschaft. Sie gründet konkret auf der Inthronisation der Mathematik als Modell für Beweisführung und Zweckhandlung (Ökonomisierung des Denkens) sowie der Statistik als Staatswissenschaft (Ordnung des Territoriums) im Lauf des 17. und 18. Jahrhunderts.
Eine wichtige Station, die den Vormarsch der Kommunikationsnetze unterstützte, waren die Utopien von der universellen Gemeinschaft und der dezentralisierten Gesellschaft. Claude Henri Saint-Simon (1760-1825) wolle die Gesellschaft wie einen Industriebetrieb behandeln und dadurch die Zivilisationskrise überwinden. Der Volkswirtschaftler Michel Chevalier (1806-1879) wies darauf hin, dass die Verbesserung der Verkehrswege zugleich die Verwirklichung der Demokratie unterstützte. Chevalier war fasziniert von dem Gedanken, durch den Aufbau von Netzen den Raum beherrschen zu können. Dann ist noch Paul Otlet zu erwähnen, der den Terminus der Globalität (mondialisme) prägte, um damit die Symbiose mit einem Denken des zugleich technischen wie sozialen weltweiten Netzes deutlich zu machen. Otlet vertrat gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Auffassung, dass durch die Beschleunigung der Geschwindigkeit des Informations- und Kommunikationsflusses bereits eine globale Denkweise entstanden war. Der soziale Zirkel einer Person vergrößerte sich beständig und war eine unmittelbare Folge der Kommunikationsmittel.
Parallel zu solchen Vorstellungen werden mit den Informatik-Maschinen neue Rechen- und Speichertechnologien entwickelt. Mattelart thematisiert die drei Fronten, an denen die Entwicklung der Großrechner stattfand: bei der Dechiffrierung von feindlicher Korrespondenz, bei der Erstellung von Schusstabellen der Flugabwehr und bei der Entwicklung der Atombombe. Als "Turing-Maschine" avancierte der Computer gegen 1940 zur Universalmaschine, die theoretisch zu jeder Problemlösung fähig war, sofern sie definierbar ist. Mattelart erweitert die Debatte um eine Vielzahl an Diskursen, wie jenen um die wissenschaftliche und die zivilisatorische Dimension, in der die Technologien des Gedächtnisses (André Leroi-Gourhan) Eingang fanden. Mit der Frage nach der gesellschaftlichen Konstruktion der Funktions- und Gebrauchsweisen der neuen intelligenten Werkzeuge wird daher auch die konkrete Geschichtlichkeit der Aneignungsweisen von Technik verdeutlicht.
Mattelart zeigt, dass die technische Futurologie drei Stätten der Lehre entstehen ließen: die Sozialwissenschaft, die Zukunftsforschung und die Geopolitik. Er zeichnet den auf Energieknappheit (Erdölkrise) zurückgehenden Wandel nach und geht dabei auf die leitenden Expertisen der 70er/80er Jahre ein, die unter dem Titel eines "universalistischen Projektes" den nationalstaatlichen Rahmen der Reflexion zur Entwicklung der Netzwerkgesellschaft gesprengt haben (Zukunftsszenarien der World Future Society, Meadows Club of Rome-Bericht, Nora-Minc Report zur Telematik, Delors Weissbuch zur EU-Wettbewerbsfähigkeit, u.a.). So wird der Zusammenhang von neuer Technologie und politischem Neoliberalismus vorgeführt, der nicht nur in Vorstellungen einer Kommunikation ohne Grenzen, sondern auch in denen eines reibungslosen Kapitalismus resultiert.
Die "kleine Geschichte der Informationsgesellschaft" charakterisiert sich durch eine Vielzahl von brauchbaren Exkursen. Marshall McLuhan, Harold A. Innis, Teilhard de Chardin oder André Leroi-Gourhan finden ebenso Eingang wie die Debatte um den Stellenwert der Wissensindustrie, die Kybernetik, das Entstehen der Massengesellschaft, das Ende der Ideologien, das Projekt der "National Information Infrastructure". Des Weiteren finden sich Hinweise auf die Auseinandersetzung um den "Free flow of information", die globale Ökonomie und die Industrialisierung von Bildung. Der Autor zeichnet ein engmaschiges Netz, liefert vielfältigen kritischen Input zur Ideologie des techno-globalen Chiliasmus, und entlässt seine Leser mit der Aufforderung, die Zukunft der Informationsrevolution mit politischem Bewusstsein zu verfolgen.


Armand Mattelart:
Kleine Geschichte der Informationsgesellschaft
Avinus Verlag: Berlin 2003, 163 Seiten



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