Der Tiefseekrake als Meister der Subversion.

Vampyrotheutis Infernalis


Seit tausenden von Jahren ranken sich Legenden und Märchen um Monster und Meeresungeheuer, die in den Untiefen der Ozeane ihre Heimat gefunden haben und von dort aus ihre Jagd, auch auf Menschen, machen. Dabei handelt es sich um riesige Kraken, die ganze Schiffsmannschaften und ihre zur Heimat gewordenen Schiffe in die Tiefe ziehen. Im Kino tauchte ein derartiges Meeresungeheuer zuletzt im Dreiteiler Fluch der Karibik auf. Tatsächlich drang bereits im Herbst des Jahres 1861 ein Riesenkalmar an die Meeresoberfläche. Damals harpunierte die Besatzung der Alecton 120 Meilen nordöstlich von Teneriffa diesen Riesenkalmar[1]. Mittlerweile existieren zeitgemäßere Beweise für die Existenz der Meeresriesen und spätestens seit dem 30. September 2004 verstummten auch die letzten Zweifler. Zwei japanische Wissenschaftler, Tsunemi Kubodera und Kyoichi Mori, folgten ihrer Intuition und reisten den Pottwalen nach. Diese Säugetiere dringen bei der Nahrungssuche in Tiefen von bis zu 1000 Metern vor um den riesigen Kalmaren nachzustellen. „Außerdem durchziehen sie von September bis Dezember eine Region im Nordpazifik, wo auch Riesenkalmare bereits an den Küsten angespült wurden.“[2] Den japanischen Forschern gelangen Aufsehen erregende Bilder und mit diesen Bildern einher geht die Veröffentlichung von immer neuen Erkenntnissen über die monströsen Bewohner der Untiefen und ihrer Mitstreiter im Kampf um die Herrschaft im Dunkel der Ozeane. Einer dieser Mitstreiter ist Vampyroteuthis Infernalis. Der folgende Beitrag versucht zu zeigen, dass die Herrscher der Meeresabgründe vieles für Guerilla[3] und seine Strategien und Taktiken[4] lehren. Hierzu werden nicht die spätestens seit Jules Vernes Erzählung 20 000 Meilen unter dem Meer[5] beschriebenen Riesenkalmare besprochen, sondern Vampyroteuthis[6]. Dieser Artverwandte ist innerhalb der kulturwissenschaftlichen Theoriebildung ein alter Bekannter. Der Medienphilosoph und Kommunikologe Vilém Flusser und der Zoosystèmicien Louis Bec argumentierten 1993 in ihren Ausführungen zu Vampyroteuthis Infernalis[7], dass die Kulturkritik bis dahin von der darwinistischen Revolution so gut wie keine Kenntnis genommen habe. Deshalb sei sie unehrlich geworden, da sie den Menschen und seine Kultur außerhalb des Kontextes der biologischen Entwicklung betrachtete. Nach Flusser und Bec ein unerträglicher Zustand, den die beiden zu beenden trachteten. Indem sie die Spezies Vampyroteuthis Infernalis aufgriffen, betrachteten sie ein Lebewesen, das sie dem menschlichen Kulturleben spiegelartig entgegenhalten. „Sie wählten Vampyroteuthis infernalis, weil diese Spezies einen Ast des Lebensbaums besetzt, der dem menschlichen geradezu antipodal gegenübersteht […].“[8] Die folgenden Ausführungen verfolgen durchaus das Ziel den faszinierenden Text von Flusser und Bec zu aktualisieren und diesen, ganz im Sinne der Mediologie, als einen Baustein für das Erkennen eines ausgeschlossenen Dritten zu betrachten. Diese Relektüre erscheint insofern sinnvoll, als die zu erwartenden Erkenntnisse zukünftige Guerilla-Strategien zu nähren vermögen. Nach den Ausführungen im ersten Abschnitt zu Vampyroteuthis wird Laokoons Wurf, ein Kunstwerk aus dem Jahre 2006, besprochen und die Nähe des Künstlers Johannes Steidl zu Vampyroteuthis expliziert. Ziel des zweiten Abschnittes ist, den an sich fiktional anmutenden Text von Flusser und Bec, den sie selbst als Fabel bezeichnen[9], von eben dieser Zuschreibung zu befreien.[10]   Vampyroteuthis Infernalis … Mensch und Vampyroteuthis[11] sind Spielarten einer Genese mit den Bausteinen der genetischen Information. Und der Mensch steht an einer Zweigspitze des gleichen phylogenetischen Stammbaums, an dessen gegenüberliegender Zweigspitze der Tiefseekrake steht. Unsere gemeinsamen Ahnen haben die Urstrände der Erde jahrmillionenlang beherrscht, und „[…] erst relativ spät in der Geschichte des Lebens haben sich unser beider Wege getrennt, nämlich als sich das Leben ‚entschloss‘, vom Strand einerseits aufs Festland, andererseits in Meerestiefen vorzustoßen. Wir beherbergen beide das gleiche tiefgründige Gedächtnis, und wir können daher einen Teil unseres Selbst in ihm wiedererkennen.“[12] Der Blick auf den vampyroteuthischen Stammbaum zeigt, dass er einer Gattung der Octopoda zuzurechnen ist. Insgesamt besteht die Ordnung der Octopoda aus 36 Gattungen von Tieren. Einige gehören der Klasse der Cepholopoda, einige der Unterklasse Metacephalopoda an. Die Cephalopoda sind Kopffüßler, also Tiere, bei denen sich Kopf und Fuß derartig vermengen, dass sich der Kopf in der Mitte des Fußes befindet und gehören einer Gruppe von Tieren an, den Eucoelomata, zu der auch der Mensch sich zählen darf. „Die Eucoelomata sind unsere gemeinsamen Ahnen, und bei ihnen trennen sich unsere Wege. Deshalb müssen wir die Tiere näher betrachten.“[13] Eucoelomata sind nicht nur für Kommunikologen und Zoosystèmiciens bemerkenswerte Tiere. Sie bestehen aus drei Arten von Zellgeweben: dem Ekto-, dem Meso- und dem Entoderm. Das Ektoderm umhüllt sie und grenzt sie von der Welt ab. Das Entoderm scheidet Flüssigkeiten aus, die diesen Tieren gestatten, die Welt zu verdauen. Das Interessanteste, so Flusser und Bec, ist jedoch das Mesoderm. Es liegt zwischen der begrenzenden und der verdauenden Haut und gestattet dem Tier, auf die Welt zu wirken. Insofern geht es also „[…] bei der Eucoelomata um Tiere, Würmer, die sich von der Welt unterscheiden, die diese Welt in sich aufnehmen, die sich in ihr orientieren und die auf sie Einfluss nehmen. Mensch und Vampyroteuthis sind Eucoelomata.“[14] Vampyroteuthis und Mensch sind beide bilaterial symmetrisch. Sie unterscheiden somit zwischen vorn und hinten, zwischen rechts und links, haben Organe und beide leben „dialektisch“[15]. So können Mensch und Vampyroteuthis als „echte Tiere“[16] bezeichnet werden, und dennoch existiert ein grundlegender Unterschied und dieser Unterschied basiert auf einer existenziellen Entscheidung. Den Eucoelomata standen zwei Wege offen. Sie konnten entscheiden, ob sie das Entoderm, also den Verdauungsapparat, oder den Ektoderm, also den Nervenapparat, weiterentwickeln. Die Gattung, aus der Millionen Jahre später der Mensch hervorgehen sollte, entschied sich für den Entoderm und stammt somit vom ersten, dem verdauenden Weg, ab. Aus denjenigen Eucoelomata, die den verdauenden Weg eingeschlagen haben, entwickelte sich ein Strang, der zu den Chordata führte und aus diesen entstanden schließlich die Wirbeltiere. Der Weg des Menschen führt also entlang der Spur des Entoderms. Wenig nobel. Der Weg des Vampyroteuthis fiel edler und dramatischer aus. Die Eucoelomata des Ektoderms begannen ihre Körper in Ringe aufzuteilen und wurden somit zu Ketten. „Von ihnen aus verzweigte sich der Entwicklungsweg in eine geradlinige und eine vampyroteuthisch gewundene Straße. Geradlinig entstanden gepanzerte Tiere, welche zahlreiche Beine und Antennen aus den Panzer herausragen lassen: die Arthropoda. Diese Panzer und Antennen sind Triumphe des Lebens: Das Tier grenzt sich von der Welt völlig ab und kann sie doch mit seinen Nerven unmittelbar betasten.“[17] Vampyroteuthis gilt als Mollusca und als solches als eines der am höchsten entwickelten Weichtiere. Mollusca sind schleimige, weiche, langsame Tiere. Sie sind uralt: Funde dieser Exemplare werden mit dem Ende des Präkambriums datiert und sind somit hunderte Millionen Jahre alt. Die Mollusca sind bilaterial symmetrisch (Bilateria) und viele von ihnen können eine Körperhälfte zugunsten der anderen aufgeben und so zu halben Tieren werden. Vilém Flusser und Louis Bec argumentieren, dass unter allen bisher entwickelten Köpfen der vampyroteuthische als der am intelligentesten entworfene angesehen werden kann. Da sie Fühler ausstrecken, hat ihre Lebenswelt die Dynamik ihrer Intention. Anders der Mensch. Er ist immer in der Welt. Wie kann er also über sie sprechen? Ein epistemologisches Problem erster Ordnung.[18] Die Körperdrehung bei Mensch und Mollusca verläuft in umgekehrter Richtung. Der Mensch vollbrachte sie, als er sich aufrichtete, um die Baumkronen zugunsten der Tundra aufzugeben. Beim Menschen wurden dadurch die Hände frei und die Augen für die Horizonte offen. Bei den Cephalopoda wanderten die Sinnes- und Greiforgane nach unten. Sie sind die Antipoden des Menschen. Sie verfügen über intelligente Bäuche und das nach unten gewanderte Gehirn des Vampyroteuthis ist wesentlich komplexer als das menschliche.[19] Vampyroteuthis ist ein aufrechtes Wesen: Er hat seine Weichtierschraube in eine senkrechte Gerade entwunden. Dadurch wurde er zu einer offenen Handfläche, welche die Welt betastet und hereinholt, um sie dem erhobenen Bauch zuzuführen: Ähnlich wie der Mensch die Hände freibekam, als er sich aufrichtete – wenn auch in umgekehrter Richtung. Mensch und Vampyroteuthis haben sich also durch die vollzogene evolutionäre Entwicklung ihrer ursprünglichen Bestimmung entzogen. „Dafür haben wir beide zu zahlen. Es geht nicht kostenlos vor sich, wenn man sein Programm überwindet. Wir sind beide gefährdete Wesen. Der Mensch, weil das Aufrichten seinen Bauch ungeschützt lässt, weil er zwei Gliedmaßen zur Stütze verliert und weil sein programmiertes Verhalten seine ‚Instinkte‘ verwässert. Vampyroteuthis hat die ihn stützende Schale verloren und kann sich nur dank dem Tiefseedruck aufrecht halten. Der Preis, den wir zu bezahlen hatten, ist der des vom Boden gewährten Schutzes. Sein Preis ist Verbannung in den Abgrund. Wir sind der Erde, er dem Himmel entfremdet.“[20] Flusser und Bec schreiben Vampyroteuthis Mentalität zu.[21] Für die beiden sind sowohl der Mensch als auch der Tiefseekrake Produkte eines absurden Zufalls und es ist ihnen anzusehen. Mensch und Vampyroteuthis sind schlecht programmierte Wesen und stecken voller Defekte. Das zeigt sich vor allem daran, dass beide beständig etwas benötigen und beständig in Not sind. Spätestens jetzt sollte deutlicher geworden sein, warum es legitim ist Vampyroteuthis dem Menschen als Spiegel entgegenzuhalten. Auch wenn die Ähnlichkeit nicht frappierend erscheinen mag. Die präzise Beobachtung ist irritierend und wichtig dabei ist im Besonderen die Erkenntnis, dass Mensch und Vampyroteuthis einander benötigen. Nicht die Perfektion des Einen oder des Anderen zu erreichen, ist das Ziel. Denn jede Synthese Mensch-Vampyroteuthis würde immer noch ein mangelhaftes Wesen hervorbringen. Aber die beiden benötigen einander, da ihnen sonst jegliches Spiegelbild fehlen würde.[22] Mensch und Vampyroteuthis leben in Grenzsituationen. Im flusserschen Vokabular ek-sistieren[23] beide und sind gezwungen zu denken. Der Mensch ist auf der Oberfläche der Kontinente ausgesetzt worden. Vampyroteuthis wurde in die Tiefe vertrieben, hat sich dort aufgerichtet und betastet jetzt wie eine offene Handfläche den Meeresboden. Seine „Handfläche“ ist der menschlichen analog. „Nicht die dritte Dimension wie wir, sondern Multidimensionalität will er betasten. Wie verneinen also beide unser Exil, unsere ‚Bedingung‘. […] Wir finden einander als Spiegel in dem von uns Verneinten. In diesem, allerdings etwas diabolischen Sinn können wir einander erkennen und uns im anderen erkennen.“[24] Als der erhobene Kopf die Entwicklung des Neokortex[25] ermöglichte, sind symbolisierende Zentren, zum Beispiel das Sprachzentrum, entstanden.[26] Damit begann die Welt bedeutsam zu werden. Die Körpererhebung hatte Schreiten auf zwei Beinen mit frei pendelnden Armen zur Folge. Dadurch, gemeint ist das Schreiten, teilte sich des Weiteren die Weltzeit dreifach: in Gegenwart, in Vergangenheit und in Zukunft. Zentral für Flusser und Bec ist zudem, dass beide Welten fasslich und sichtbar sind. Anders sind dabei jedoch die Methoden der Auffassung und der Ansicht. Das menschliche Pendant braucht also andere Methoden und Strategien. Lernen vom Gegenüber, auch wenn dieses Gegenüber den Namen Vampyroteuthis trägt, ist möglich. Der Mensch greift mit den Händen, Vampyroteuthis mit den Tentakeln. Kultur ist daher für den Menschen ein Projekt gegen die feststehenden Objekte, eine Befreiung von Gesetzen (von Naturgesetzen).[27] „Für Vampyroteuthis sind die Objekte Brocken in einer Wasserströmung, die auf ihn einstürzen. Er saugt sie an, um sie sich einzuverleiben. Daher ist Kultur für ihn ein Diskriminieren zwischen verdaulichen und unverdaulichen Brocken, d.h. eine Kritik an den Eindrücken. Nicht Projekt gegen die Welt ist Kultur für ihn, sondern diskriminierend-kritische Injektion der Welt ins Subjektinnere.“[28] Vampyroteuthis bestrahlt die Gegenstände mit seinen Auffassungsformen und erst seine Lichtorgane erzeugen die Erscheinungen, die Phänomene. Eine solche Welt kann nicht täuschen, denn sie ist bereits eine selbsterzeugte Täuschung[29]. Insofern fehlt der Betrug sich selbst gegenüber; das heißt nicht, dass nicht ein Gegenüber betrogen werden kann. Welche sind nun die Medien der Informationsübertragung der Krake? Bei Vampyroteuthis sind diese Medien Drüsen und insgesamt sind vier Drüsentypen wichtig. Typ I – Ihre ursprüngliche Funktion ist ausschließlich sexueller Natur. Durch die Farbveränderung der Haut soll ein Geschlechtspartner aufmerksam gemacht und angezogen werden. Im Farbspiel kommen aber auch Vorgänge im Organismusinneren zum Ausdruck und somit ist dieses Farbspiel auch Zeichen einer wandelbaren Innerlichkeit. Typ II – Diese Drüse scheidet eine gelatineartige Masse ab, welche den Körper nahezu transparent macht. Dieser Drüsentyp verringert den Körperdruck und ermöglicht somit auch das Auftauchen in höhere Regionen. Im Besonderen dient dieser Drüsentyp aber der Tarnung vor Feinden. Typ III – Diese Drüse befindet sich im Mund und scheidet einen Giftstoff aus, der paralysiert. Das nicht tödliche Sekret diente ursprünglich dem Beutefang. Vampyroteuthis benutzt diesen Stoff aber auch dazu, herankommende Informationen starr werden zu lassen. Dadurch werden sie für ihn verstehbar. Typ IV – Diese Drüse schleudert Farbe in die Gegend. Damit werden wieder Feinde in die Irre geführt. Verwandte des Vampyroteuthis wurden dabei beobachtet, wie sie die Sepiawolke modulierten, sodass ihre eigenen Umrisse darin erkennbar wurden. Für ein erstes Resümé zur Geschichte und Kultur des Vampyroteuthis, so Flusser und Bec[30], genügt die Feststellung, dass er wie der Mensch erworbene Informationen sammelt. „Und zwar sendet er Lichtkegel in die Welt, reißt mit den Tentakeln Informationsbrocken aus diesen Kegeln und paralysiert sie zu Daten. Im Zentralnervensystem angelangt, werden diese Daten verarbeitet, mit schon gelagerten verglichen und durch intraspezifische Codes mittels Drüsen an weiteren Vampyroteuthes gesendet, um in deren Gedächtnissen gelagert zu werden. So entsteht ein sich entwickelnder Dialog zwischen den Vampyroteuthes, dank welchem die Summe der verfügbaren Informationen sich immer steigert.“[31] Doch die Absicht hinter der Kommunikation und der Kultur des Vampyroteuthis ist unmissverständlich: Er versucht den Anderen in die Irre zu führen. In der Regel, um ihn zu verschlingen und gelegentlich um nicht selbst verschlungen zu werden. In seiner Welt handelt es sich um eine Welt des Trugs, des Als-ob, des Falschen. Und die Autoren[32] bezeichnen dies als eine Kultur der Kunst im weitesten Sinne des Wortes. „Das Informieren von Gegenständen und ihre Verwandlung in Gedächtnisse, eben die Kunst, ist immer ein Kampf gegen den Widerstand des Objekts. Bei diesem Kampf erlebt und erkennt man das Wesen des Gegenstands, des Steins, der Baumwolle, der Sprache. Dieses Erlebnis und diese Erkenntnis sind neue Informationen, die es gilt, in künstlichen Gedächtnissen festzuhalten. Dadurch entsteht ein sich steigerndes Feedback zwischen Gegenstand und Mensch […].“[33] Der Punkt ist erreicht Vampyroteuthis den Rücken zu kehren und sich seinem Spiegel, dem Menschen zuzuwenden. Der Blick in die vampyroteuthische Welt hat gezeigt, dass dieser Herrscher der Untiefen über beeindruckende Strategien zur Lebensbewältigung verfügt. Eben diese Strategien können, reflektiert eingesetzt, durchaus für die so genannte Kulturguerilla nutzbar gemacht werden. Die nachfolgende Besprechung von Laokoons Wurf wird diese Nutzbarmachung explizieren, sie wird aber, indem die Nähe zwischen dem menschlichen und dem vampyroteuthischen Verhalten zu Tage tritt, vor allem das Verwandtschaftsverhältnis unterstreichen.   Laokoons Wurf … Wir verlassen die Ozeane und die globale vampyroteuthische Lebenswelt und betreten das Festland. Wir befinden uns im Jahre 2006 in Salzburg. Der Ort, an dem wir stehen, nennt sich Anton-Neumayr-Platz und vor uns steht eine Installation mit dem klingenden Namen „Laokoons Wurf“[34] des Salzburger Künstlers Johannes Steidl. Die Installation „[…] besteht in ihrer Materialität aus einer 15 Meter hohen handelsüblichen Straßenlaterne, auf deren Plattform mit 180 Zentimeter Durchmesser sich ein geflochtenes Nest aus Lianen mit Straußeneiern befindet. Unterm Nest glüht tagsüber orangefarbenes Licht. Die Metaphern sind visuell schlicht, gewissermaßen allgemein verständlich, ein Stück Zivilisation und ein Versatzstück Natur.“[35] Die Installation erscheint zunächst harmlos und friedfertig in ihren Konnotationen. Doch schon bald entpuppte sie sich als ambivalenter Kommentar und widerspenstiger Disput mit gegenwärtig relevanten Kulturplayern in Salzburg einerseits und der globalen Situation andererseits. Die topologische Position und das soziale Umfeld der Installation beschreiben ein Feld, wo sich exemplarisch zeitgenössisches Leben in Salzburg darstellt. Insofern wurde ein aufgeladener Platz, ein Kulminationspunkt, ausgewählt, der sich zwischen alternative Jugendkultur (unten) und Museum der Moderne (oben) ausbreitet. „Im Nest liegen Eier, als Ursprung denkbar, von der Hoffnung und Erwartung, dass etwas ausgebrütet wird, was neue Ufer oder Lebendiges, Unbekanntes verspricht. Doch kaum hat sich Optimismus ausgebreitet, bemerkt man, in eine perfide Denkfalle geraten zu sein, und der geistige Gegenschlag verfehlt seine Wirkung nicht. Man wird gewahr, es handelt sich um Straußeneier und der Strauß kann nicht fliegen, er kommt da nicht rauf, es kann nichts geboren werden, also eine pragmatische Unmöglichkeit per se und Täuschung zugleich.“[36] Allein qua Platzierung des Nestes im Niemandsland, im noch nicht besetzten Raum zwischen oben und unten, kommentiert Steidl das, was im gegebenen Interessensvieleck verhandelt wird. „Die relative Höhe des Nestes im Verein mit dem Ready-made-Charakter der Straßenlaterne sorgt dafür, dass ‚Laokoons Wurf‘ von vielen Personen nicht wahrgenommen wird. Diese Ästhetik des Verschwindens ist intentional und Verweigerungsgestus dem Visual turn gegenüber. ‚Verschwinden sei Gebot der Stunde‘, so Steidl und impliziere eine Position derjenigen Kunst gegenüber, die glitzert, selbstgefällig schreit und sich glamourös in den Aufmerksamkeitsdiskurs wirft.“[37] Weiteres zentrales Merkmal der Installation ist die durch ihren Standort verursachte Dialektik der Blickebenen. Fast unter Trivialitätsverdacht: Von unten ist nicht sichtbar, was man von oben wahrnimmt und umgekehrt. Von unten das Nest und von oben die Eier. Das je Entgegengesetzte kann man nur imaginieren. Der Künstler arbeitet mit den eindimensionalen Perspektiven, die Ebenen sind als Codes für die in Philosophie und Soziologie utopisch beschworene Formel der Perspektivenvielfalt und die gleichzeitige Unmöglichkeit des Auges, sich selbst sehen zu können, lesbar: Eine Anspielung auf die Standortbezogenheit des Blicks und der darin enthaltenen, oft auch fatalen, geistig-soziologischen Konsequenzen. Doch programmatisch sind diese Blickebenen zudem mit einem Gleiten der Wahrnehmungs- und Bedeutungsebenen verknüpft, ähnlich einem Sich-Drehen und dem Vorbeiziehen an möglichen Bedeutungen. Dieses Rotieren der Perspektiven und Bedeutungen ergibt nur die eine Gewissheit: die der Ambivalenz der gegenwärtigen Situation und die darin enthaltene Ungewissheit. Doch Johannes Steidl versuchte auch Laokoons Wurf mehr oder weniger subversiv in einem veränderten Kontext zu zeigen. Das Gleiche anders zu positionieren, heißt im Besonderen das Kunstwerk jemandem anderen „unterjubeln, sich einschleichen und schwarz fahren“[38]. Im Rahmen von Kontracom 06, einem zeitgleich stattfindenden Festival für zeitgenössische Kunst und Musik, von Max Hollein und Tomas Zierhofer-Kin kuratiert, funktionierte dies. Diese Appropriations-Strategie war so etwas wie eine subversive Aneignung von symbolischem Kunstbetriebs- und Kuratorenkapital und erfuhr auch tatsächlich eine gelungene Einlösung: Laokoons Wurf wurde von so manchen Medien, aber auch Privatpersonen mit Kontracom identifiziert. Noch ein Grund Steidl als Parasiten (Michel Serres) zu bezeichnen.    Was bleibt … Auftauchen, untertauchen, handeln, modellieren, täuschen … tun als-ob. Das Spiel mit der Aufmerksamkeit zur Perfektion treiben und zu gegebener Zeit die Bühne verlassen und dasjenige, was beispielsweise die Feder, der Pinsel, der Hammer oder auch das Wort und die Projektion geschaffen haben, zurück lassen, es der eigenen Wirkungsmacht überlassen, sich … auf die Inszenierungen verlassen. In den Gegenstand eintauchen, ihn ausloten, seine Möglichkeiten kennen lernen: Zeichnet nicht genau dies vampyroteuthisches Handeln aus? Ist es aber nicht auch genau diejenige Leistung, die hinter Laokoons Wurf von Johannes Steidl einzukreisen ist? Steidls Intervention, seine Arbeit, ist durchaus als vampyroteuthisch zu interpretieren und nicht einmal das Argument, der Künstler hätte niemand gefressen (immerhin das grundlegende Ziel der Täuschung der Tiefseekrake), hält einer kritischen Überprüfung stand, denn durch sein parasitäres Verhalten[39], hat er, metaphorisch gesprochen, kräftig mitgenascht. Gratulation zum Gratis-Lunch-Paket. Vampyroteuthis lehrt zuerst nichts über Guerilla und dennoch sind viele seiner Strategien und Taktiken für Guerilla-Vorhaben durchaus wertvoll. Ein Blick auf seine Drüsenfunktionen kann erhellend für jegliche Planung sein. Den Versuch zu wagen, den Menschen und seine Kultur aus der Perspektive des Vampyroteuthis zu betrachten, mag bisher nicht Gesehenes bzw. Gedachtes, das ausgeschlossene Dritte (Régis Debray) zum Vorschein bringen[40] und einen Gegenstand in einem anderen Licht erscheinen lassen. Am Beispiel von Laokoons Wurf hat das Licht die Wärme gespendet, um die Straußeneier auszubrüten, doch das ist nur eine Möglichkeit des Lichts. Bruno Latours Forderung nach einem Parlament der Dinge[41] ist zuzustimmen. Der westlichen Welt, argumentiert der französische Wissenschaftshistoriker, würde es gut anstehen, sich der Wichtigkeit der Dinge wieder bewusster zu werden. In einem Parlament der Dinge würde darüber entschieden werden, wie und in welcher Welt mit welchen Akteuren, Dingen, Gegenständen, Pflanzen, Tieren der Mensch leben will.[42] Der Blick des Vampyroteuthis ortet die Gegenstände, paralysiert sie, macht sie dadurch versteh- und fassbar, zutage tritt dabei Information und diese Information bietet eine wunderbare Grundlage für die Konzeption von Guerilla-Strategien bzw. Taktiken.  

Literatur
Debray, Régis (2003): Einführung in die Mediologie. Bern: Haupt.
De Certeau, Michel (1988): Die Kunst des Handelns, Berlin: Merve.
Flusser, Vilém / Bec, Louis (1993): Vampyroteuthis Infernalis. Eine Abhandlung samt Befund des Institut Scientifique de Recherche Paranaturaliste, Göttingen: European Photography.
Hölzl, Tania (2006): Laokoons Wurf. Kein Licht für den Anton-Neumayr Platz. In: http://www.johannessteidl.net/004.htm.
Latour, Bruno (2001): Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Leroi-Gourhan, André (1988): Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst, Frankfurt am Main: Suhrkamp. Manfé, Michael (2005): Otakismus. Mediale Subkultur und neue Lebensform – eine Spurensuche, Bielefeld: transcript.
Rowlands, Marc (2005): The Philosopher at the End of the Universe. Philosophy Explained Through Science Fiction, London: Ebury. Ruffing, Reiner (2009): Bruno Latour, Paderborn: W. Fink.
Serres, Michel (1981): Der Parasit, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Vernes, Jules (2003): 20 000 Meilen unter dem Meer, Frankfurt am Main: Fischer.

[1] http://www.j-verne.de/verne9_4.html, 10. Oktober 2009.
[2] science.ORF.at (2005): Riesenkalmar erstmals in der Tiefsee beobachtet. 28.9.2005. In: http://science.orf.at/science/news/140968, 10. Oktober 2009.
[3] Die Verwendung des Terminus Guerilla bezieht sich konkret auf Kulturguerilla. Sie erfolgt im Sinne von subversivem Agieren als Form der Kulturkritik.
[4] „Als Strategie bezeichne ich die Berechnung (oder Manipulation) von Kräfteverhältnissen, die in dem Moment möglich wird, wenn ein mit Willen und Macht versehenes Subjekt (ein Unternehmen, eine Armee, eine Stadt oder eine wissenschaftliche Institution) ausmachbar ist. Sie setzt einen Ort voraus, der als etwas Eigenes beschrieben werden kann und somit als Basis für die Organisierung von Beziehung zu einer Exteriorität dienen kann, seien dies Stoßrichtungen oder Bedrohungen (Kunden oder Konkurrenten, Feinde, das Umland der Stadt, Forschungsziele und -gegenstände etc.).“ De Certeau, Michel (1988): Die Kunst des Handelns, Berlin: Merve, S. 87. Im Gegensatz zu den Strategien […] bezeichne ich als Taktik ein Handeln aus Berechnung, das durch das Fehlen von etwas Eigenem bestimmt ist. […] Die Taktik hat nur den Ort des Anderen. Sie muss mit dem Terrain fertigwerden, das ihr so vorgegeben wird, wie es das Gesetz einer fremden Gewalt organisiert.“ Ebd., S. 89. Strategie oder Taktik? Beide Termini sind einsetzbar, da Vampyroteuthis im vorliegenden Beitrag im Sinne Michel Serres (Der Parasit) auch als Quasi-Objekt verstanden werden kann.
[5] Verne, Jules (2003): 20 000 Meilen unter dem Meer, Frankfurt am Main: Fischer.
[6] http://www.tonmo.com/science/public/vampyimages/image004.jpg, 10. Oktober 2009.
[7] Flusser, Vilém / Bec, Louis (1993): Vampyroteuthis Infernalis. Eine Abhandlung samt Befund des Institut Scientifique de Recherche Paranaturaliste, Göttingen: European Photography. [8] Ebd., Klappentext.
[9] Ebd., S. 63.
[10] Ganz im Sinne des Philosophen Marc Rowlands. Vgl. hierzu The Philosopher at the End of the Universe.
[11] Zu Vampyroteuthis Infernalis siehe auch: http://www.youtube.com/watch?v=l3PvvT_Ktx8, 10. Oktober 2009.
[12] Flusser, Vilém / Bec, Louis (1993): Vampyroteuthis Infernalis, S. 9.
[13] Ebd., S. 10.
[14] Ebd.
[15] Ebd.
[16] Ebd.
[17] Ebd., S. 12.
[18] Flusser und Bec arbeiten in diesem Zusammenhang heraus, dass der Mensch, um Säugetieren gegenüber objektiv sein zu können, sich selbst transzendieren müsse. Doch diese Problematik, so die Beiden, ist nicht nur für Anthropologen und Humanisten relevant, sondern für alle Wissenschaften. Die Autoren schlagen vor, die wissenschaftliche Objektivität zugunsten neuer Forschungsmethoden aufzugeben. Dies impliziert jedoch nicht notwendigerweise den Verzicht auf die vorher gewonnen „objektiven“ Erkenntnisse. Vgl. ebd., S. 18.
[19] Vgl. ebd., S. 20
[20] Ebd., S. 24.
[21] Vgl. ebd., S. 25.
[22] Vgl., S. 25.
[23] Der Mensch existiert. Das heißt die Welt ist ihm nicht unmittelbar zugänglich. Existere kommt aus dem Neunorwegischen und Ek-sistieren meint außerhalb stehen. vgl. Manfé 2005, S. 163
[24] Flusser, Vilém / Bec, Louis (1993): Vampyroteuthis Infernalis, S. 26.
[25] Neokortex bezeichnet den stammesgeschichtlich jüngsten Teil der Großhirnrinde.
[26] Ein Umstand, den übrigens der Paläontologe André Leroi-Gourhan in seiner beeindruckenden Studie Hand und Wort sehr ausführlich beschrieb.
[27] Vgl. Flusser, Vilém / Bec, Louis (1993): Vampyroteuthis Infernalis, S. 37.
[28] Ebd., S. 36.
[29] Vgl. ebd., S. 37.
[30] Vgl. ebd., S. 46.
[31] Ebd.
[32] Vgl. ebd.
[33] Ebd., S. 54.
[34] Besonderer Dank gilt Tania Hölzl, die einer Implementierung ihrer Ausführungen zu Laokoons Wurf in diesem Beitrag zustimmte. Die ungekürzte Version ihres Beitrages ist unter http://www.johannessteild.net/004.htm abrufbar.
[35] Hölzl, Tania (2006): Laokoons Wurf. Kein Licht für den Anton-Neumayr Platz. In: http://www.johannessteidl.net/004.htm, 10. Oktober 2009.
[36] Ebd.
[37] Ebd.
[38] Ebd.
[39] Vgl. Serres, Michel (1981): Der Parasit, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
[40] Beispielsweise die Nähe zwischen vampyroteuthischen und menschlichen Handeln.
[41] Latour, Bruno (2001): Das Parlament der Dinge, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
[42] Vgl. Ruffing, Reiner (2009): Bruno Latour, Paderborn: W. Fink, S. 16. Hinweis zur Erstveröffentlichung:Manfé, Michael (2010): Der Tiefseekrake als Meister der Subversion. In: Fraueneder, Hildegard/ Stiletto, Gianni (Hg.): was tun. figuren des protests. taktiken des widerstands. Salzburg: Mürry Salzmann, S. 96-104.

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