draht, dratlos, online.

Rezension.

Und wieder ein Buch zur Medienkultur. Braucht es dieses? Wir schreiben das Jahr 2006 und in den bisher erschienenen Reflexionen über und zur Medienkultur lag das zentrale Interesse nicht zuletzt auf der Darstellung von historischen Sachverhalten, der Technikgeschichte sowie dem Explizieren von theoretischen Positionen. Sollte nicht schon alles gesagt sein? Die Antwort auf all diese Fragen ist einfach: Ja, es braucht diese Reflexion und zwar aus einem (leider) banalen Grund: Die kolportierten Fakten sind zurechtzurücken und der Geschichte sind die verschwiegenen und unentdeckten Persönlichkeiten dieses Diskurses sowie deren Entwicklungen zuzuführen.

 

Der Wiener Medienwissenschafter Frank Hartmann zeigt in seiner jüngsten Publikation, dass die Ära der Telekommunikation bereits um 1800 begann und sich die Weltwahrnehmung zusehends änderte. Inmitten der Industriegesellschaft bahnte sich bereits massiv das Zeitalter der Information an und ab 1900 wurde die Medienkultur weltumspannend. Wie dies geschah, diskutiert Frank Hartmann anhand dreier medientechnischer Innovationen, die allesamt wichtige Grundlagen für eine globale Medienkultur im Speziellen und für eine Globalisierung im Allgemeinen darstellen. Im ersten Abschnitt steht das Kabel im Zentrum. Konkret wird die Anwendung von Elektrizität für den internationalen Nachrichtenverkehr über Drähte und Kabel fokussiert. Diese Drähte und Kabel haben die Rede von den „technischen Nerven der Menschheit“ provoziert und bilden den Ausgangspunkt für jegliche globale Medienkultur. In Abschnitt zwei bespricht der Autor die Nutzung des Elektromagnetismus für die drahtlose Sendung, wie Funk, Radio und Satelliten. Immerhin handelt es sich hierbei um eine neue kulturelle Form der Sendung die den herkömmlichen Raum implodieren lässt. Dem Themenfeld Online ist das Schlusskapitel gewidmet. Darin wird die Konstruktion eines elektronischen Datenraums mit universellen Interfaces (Internet) besprochen. Und wer nun glaubt, hierzu sei schon alles gesagt, wird eines Besseren belehrt. So verneint etwa niemand, dass Satelliten wichtiger Bestandteil von Medienkultur sind, doch wo sind sie bisher besprochen? Wie viele umrunden derzeit die Erde?

 

Hartmann ist derjenige, der die Diskurse der Medienphilosophie und der Mediologie im deutschsprachigen Raum inaugurierte. Nun widmet er sich der Medienanthropologie und den Informationspionieren, prägt dabei den Begriff der Medienmoderne und wagt die „zu gut geschmierten Scharniere“ (Debray) zum Quietschen zu bringen. Offensichtliche Diskurslücken werden aufgespürt und profund gefüllt; etwa durch die erstmalige Besprechung von Paul Otlets Theorie der Dokumentation oder eine spannungsreiche Zeitreise zu den Problematiken der Tiefseekabel. In drei Exkursen werden weitere Höhepunkte gesetzt und gezeigt, wo noch viele Ressourcen für zukünftige Debatte liegen.



Hartmann, Frank (2006): Globale Medienkultur. Technik, Geschichte, Theorien. Wien: WUV
239 Seiten. Preis: 18,90€

 

Rezension für die Wiener Stadtzeitung Falter (Falter Nr. 11, 2006)

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