Die KindFrau.

Rezension.

Die Autorin, Andrea Bramberger, greift den Mythos (um die) ‚KindFrau’ auf und arbeitet entlang der (De-)Konstruktion. Unterschiedliche Aspekte werden dafür aufgegriffen und ihr möglicher Beitrag für die ‚Konstruktion’ der Kindfrau dargestellt und je mehr man Brambergers Ausführungen folgt, umso deutlicher wird, daß ‚KindFrau’ sich nicht auf einige wenige Determinaten reduzieren läßt. Die Kindfrau ist eine wandelbare Figur, die sich nicht mit einigen wenigen Zuschreibungen definieren läßt. Um die Kindfrau ist ein Diskurs, im foucaultschen Sinne, entstanden und in ihr kulminiert eine Dynamik, die Nachzuzeichnen nicht die Schritte der Konstruktion erfordert, sondern vielmehr jenen der Dekonstruktion. Das Phänomen Kindfrau verlangt das Lesens der Zeichen in ihrem Kontext und daher verliert sich an dieser Stelle die Forderung nach einem Erklärungsmodell und an dessen Stelle tritt die flexiblen Betrachtung einer Figur die viele Ausprägungen in sich vereint.

Die Kindfrau ist eine einzigartige pädagogische Figur. Sie ist weder Erwachsene noch Kind ist und bereits in Brambergers Titel wird der Leser mit der Mehrdeutigkeit des Wortes ‚KindFrau’ konfrontiert. Wie kann nun eine mögliche Antwort auf die Frage, was eine Kindfrau ist, formuliert werden? Für Bramberger erweist sich die Kindfrau auch als ein Phantasma, als eine Figur männlichen Begehrens, die dahingehend angelegt ist, diesem Begehren unermüdlich zu entweichen, es aber gerade durch diese Subversion zu schüren. Ein Gedankenexperiment, eine fixe Idee, eine virtuelle Figur des ausgehenden 19. Jahrhunderts findet Zugang zum weiblichen Körper, läßt sich dort nieder, richtet sich ein und generiert in dieser Materialisierung das, was ‚Kindfrau’ genannt und heute als solche ‚erkannt’ wird.

Besteht die Möglichkeit, daß wir in unserem täglichen Alltag mehr mit Kindfrau(en) konfrontiert sind, als ein erster Blick dies vermuten läßt? Denken Sie nur an die Topmodells der Modebranche. Wird dort ‚KindFrau’ nicht dazu benutzt, ein Produkt an die Frau zu bringen. Wird nicht die ‚Unschuld’ junger Mädchen von der Werbebranche nicht deshalb aufgegriffen, um verschiedene Produkte mit den ‚Werten’, die die Kindfrau suggeriert, aufzuladen? Insofern ist die Konnotation Kindfrau in unserm alltäglichen Leben keine Ausnahme, nein, sie ist allgegenwärtig. Andrea Bramberger greift in ihrem Buch sensibel Beispiele auf und zeigt, wie die Kindfrau dekonstruiert werden kann. Das Ziel ihrer Analyse ist das Aufspüren eines möglichen Sinns, das Finden einer möglichen Form eine Darstellung und ein Aufsplitterung des Mythos in Gestaltungs- und Bedeutungselemente.

Lassen Sie mich jedoch ein weiteres Mal auf Nabokovs ‚Lolita’ eingehen. Diese Figur zieht sich durch Brambergers Werk und wird zu einer Art ‚Leitmetapher’ die häufig herangezogen wird um verschiedene Argumentationslinien der Autorin zu unterstreichen. Aber, wie kann Lolita beschrieben werden? Ist Lolita eine kindliche Verführerin oder eine gnadenlose Vergewaltigung, oder meint Lolita gar die Geschichte einer Liebe oder einer unbedenklichen Sexualbeziehung zwischen einem erwachsenen Mann und einer kindlichen Frau bzw. einem fraulichem Kind? Bereits an diesen Fragestellungen wird die Komplexität des Themas und die Verschiedenartigkeit der Interpretationsmöglichkeiten deutlich. Zusammenfassend meint Bramberger an dieser Stelle, daß wie immer radikal sich die Positionen gestalten, an Lolita wird eine aktuelle Diskussion um sexuellen Mißbrauch von Kindern, um die Sexualität von Erwachsenen zu und mit Kindern, um kindlich-weibliche Sexualität festgemacht. Mit Lolita erfährt die Kindfrau eine erste ‚Definition’ und die Autorin fragt weiter: Wie funktioniert der Mythos der Kindfrau?

Für Bramberger geht es in der Analyse der Kindfrau eben nicht darum sich für die eine oder andere moralische Seite zu entscheiden und sie in einem weiteren Schritt zu bewerten, weil sich die Kindfrau nicht über das Argument der Moral fassen läßt, denn die Moral hebt das Begehren nicht auf. Was bedeutet es, daß die Frage nach sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern nicht über das Argument der Moral gelöst werden kann? Interessanter, so die Autorin, ist das Zusammenspiel jener Diskurse, aus der die Kindfrau hervorgeht, zu dekonstruieren und noch andere, von der Diskussion Mißbrauch oder Pädophilie vereinnahmte oder überlagerte Spuren eines alternativen Verständnisses der Kindfrau aufzuzeigen.

Neben dem Literaten Nabokov füllt der Schauspieler Charlie Chaplin einen Teil des Buches über die Kindfrau. Charlie Chaplin schaffte es mit seinem filmischen Werk das (Kino)Publikum zu verzaubern. Die liebenswürdige Tollpatischgkeit der von ihm gespielten Figuren, die er so perfekt zu transportieren wußte, vermittelt eine Leichtigkeit die es dem Zuseher sehr schwer macht, diese nicht in ihr/sein Herz zu schließen. Die Frage, welcher Ort Charlie Chaplins Werk in einem Beitrag über die Kindfrau zugedacht ist, ist berechtigt und Andrea Bramberger greift diese Frage auf und schreibt, daß die Kindfrau in allerlei Facetten, Verkleidungen oder Entwicklungsstadien Charlie Chaplins filmisches Werk durchzieht. Aber dies ist, wie mir scheint, nicht der Gipfel der Spannung. Die Untersuchungen der Autorin zeigen, daß die Kindfrau in Chaplins Werk auf jeder charakterlichen Modifikation reagiert und sich dieser auch anpaßt, ja, sie wandelt sich mit ihm. Bramberger fragt sich, ob die Existenz der Kindfrau daher nicht in der Charakterisierung und Sichtweise des (männlichen) Gegenübers liegt. Das würde wiederum bedeuteten, daß Chaplin die Kindfrau nicht nur begehrt, sondern sie auch erschafft, und zwar in einer Art und Weise erschafft, daß er der Kindfrau seinem Begehren gemäß Faszinationskraft und Handlungsmacht verleiht.

Andrea Bramberger reflektiert Chaplins filmisches Werk sowie seine Biographie eindrucksvoll. Aus beiden Bereichen werden Elemente teilweise aufgegriffen, teilweise in Verbindung gebracht und daraus einige der die Kindfrau bedingende Strukturen erarbeitet. Die Autorin wählt als Zugang eine alternative Lesart und will mit dieser Methode die Möglichkeit der Darstellung, Kritik aber eben auch eine Dekonstruktion der Kindfrau aufzeigen. In all den Ausführungen über Chaplins junge Ehefrauen verzichtet sie auf Bewertungen, das Werk Chaplins unterliegt somit nicht einer Beurteilung durch die Autorin, noch wird es in irgend eine Richtung hin positiv oder negativ besprochen. Die Autorin läßt das Werk unangetastet und urteilt nicht über Chaplin. Er und seine Filme sind mehr oder weniger Phänomene die herangezogen werden um ein weiteres Phänomen – die KindFrau – zu diskutieren.

Und in die Ausführungen um und über Chaplin integriert die Autorin ständig ‚andere’ literarische Figuren in ihre Analyse. Bramberger ist eine Suchende. Ob dies Trakls ``Melusine, Isolde Kurz’s ‚Lilith’, Goethes ‚Mignon’ oder die Undinen Figuren von Fouqué und Bachmann, um nur einige wenige zu nennen sind, die Autorin zieht sie heran und zeigt eine Möglichkeit den ‚Mythos Kindfrau’ vor deren Hintergrund zu denken.

Die Kindfrau ist zu keinem Zeitpunkt Opfer noch ist sie Täter. Sie ist eine Figur, die aus einem Netzwerk von Strukturen besteht. Bramberger entfernt Schicht für Schicht und zeigt somit eine ‚neue’ Struktur und mit jeder offengelegten Struktur, erweitert sich der Blick auf die Kindfrau. Marcel Ducamps prägte den Begriff des Inframince. Inframance ist ein Neologismus der übersetzt werden kann mit ultradünn oder kaum sichtbar. Die Kindfrau ist eine Figur die, wie Bramberger zeigt, aus einer Vielzahl von Inframince-Strukturen besteht. Bramberger schafft es einige offenzulegen und noch viel mehr, dem Leser das Gefühl zu geben, weitere dieser Strukturen zu öffnen.

Freiheit ist nichts, sofern sie nicht Freiheit ist, hart an der Grenze zu leben, wo jedes Verstehen sich auflöst, schreibt Georges Bataille in seinem Buch ‚Das Unmögliche’. Die Kindfrau ist eine Figur die dort zu ‚suchen’ ist wo wir auf das Unmögliche stoßen. Sie definieren zu wollen würde verlangen sie mehr oder weniger zu institutionalisieren. Doch Bataille lehrt (auch) wie es genannt werden kann, den ‚Tod des Institutionalisierten’ und wenn wir ‚KindFrau’ auf uns wirkten lassen, so liegt eine Möglichkeit der Erklärung darin, sich von statischen Definitionsversuchen abzuwenden und uns der Vielheit – dem Rhizom nach Deleuze – zuzuwenden.


Andrea Bramberger
Die KindFrau. Lust Provokation Spiel

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