Mediologie. Vom Ende der Kommunikation.

Rezension.

Wissenschaftliche Problembewältigung funktioniert oft deshalb nicht, da viele Subtilitäten schlichtweg nicht wahrgenommen werden. Dieses Dilemma erfasst auch die Kultur- und Geisteswissenschaften. Ein Mangel in deren Untersuchungen manifestiert sich darin, dass – obwohl die Mediatisierung des Menschen und der Gesellschaft allgegenwärtig ist –, auf eine medientheoretische Grundlegung von Kulturwissenschaft oft verzichtet wird. Frank Hartmann plädiert in seiner aktuellen Publikation für diese und greift hierfür das Projekt der Mediologie 
auf.
 
Der Begriff Mediologie wurde vom französischen Schriftsteller und Philosophen Régis Debray geprägt und kursiert in Frankreich seit den achtziger Jahren. Der mediologische Zugang drängt den Begriff der Kommunikation in den Hintergrund und positioniert an seiner Seite den Terminus »transmettre«, sprich: Übertragung. Die Mediologie definiert sich somit als ein wissenschaftlicher Ansatz, welcher Probleme der Übermittlung in der Kultur fokussiert. Doch wozu braucht es diesen (Neu-)Ansatz? Gegenwärtig ist ein steigender Anteil an künstlicher Intelligenz in jeglichen Kommunikationssituationen feststellbar. Insofern sind auch die Fragen, welche Technologien, welche historischen Prozesse und welche kulturellen Praktiken die aktuellen lebensweltlichen Grundlagen bilden, neu zu stellen. Die Vorstellung, dass Kommunikation zwischen zwei Polen stattfindet, ist jedenfalls antiquiert. Debrays Verfahren rückt die Transformation des Systems kultureller Übermittlung selbst ins Zentrum und verwehrt sich dagegen, neue Phänomene mit alten Maßstäben zu messen. Die theoretische Aufmerksamkeit richtet sich auf das Verhältnis von symbolischen Welten, physikalischer Wirklichkeit und den vielschichtigen Prozessen der Übertragung oder Übermittlung innerhalb einer Kultur. Nicht der Gegenstand zeichnet die Mediologie aus, sondern der veränderte Blickwinkel auf diesen.

Neue Informations- und Kommunikationstechnologien sind längst unabdingbare Funktionsgrundlage unserer Kultur geworden. Sie sind nicht nur neutrale Vermittler, sondern zentrale Transformatoren von Kultur. Die »klassische« medientheoretische Forschung der Kommunikationswissenschaft berücksichtigt diesen Umstand kaum, und somit bleibt das Versprechen dieser Medientheorie (bislang) uneingelöst. Hartmanns Mediologie bildet diesbezüglich eine gelungene Ausnahme. Der Verfasser reagiert etwa auf das Auftauchen der Bilder im Wissenschaftsdiskurs und thematisiert den Umstand, dass Bilder mit ihrer Allgegenwart den kulturellen Raum rekodieren. Digitale Mythen entmystifizierend, disputiert er pointiert den oft ignorierten Fakt, dass Medien eben Bedingungen des Wissens darstellen und neue Medien den Wissenserwerb erheblich determinieren. Seine Reflexionen kreisen um zeitgenössische – nicht zeitgeistige – Fragestellungen und umwandern eloquent existierende Diskurszwänge.

Hartmann legt kein grundsätzliches Buch über Mediologie vor. Präsentiert werden Essays zu Medientheorie, zu Bildwissenschaft, zur Philosophie digitaler Medien, zur Wissensgesellschaft und zur Mediologie selbst. Insgesamt erleichtert es die Studie, sich von unzeitgemäßen, gebetsmühlenartig wiederholten theoretischen Schablonen zu distanzieren, und es ist zu hoffen, dass die geistige Inkubationszeit seiner Inhalte nicht allzu lange ausfallen wird.

Die Rezension entstand in Kooperation mit Tania Hoelzl


Hartmann, Frank (2003): Mediologie. Ansätze einer Medientheorie der Kulturwissenschaften. Wien: WUV.


Rezension in: Springerin. Hefte der Gegenwartskunst 3/2004

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