Pierre Boulez – Einleitung zum Katalog von Marion Kalter.

Übersetzung.

Ich durchblättere dieses wertvolle Album – und ich zweifle daran, ob viele Menschen ähnlich wie ich empfinden und sie es mit den gleichen Gefühlen durchblättern. Viele hier lichtbildnerisch eingefangene Künstler kannte ich bloß flüchtig. Mit einigen von ihnen habe ich gearbeitet und besitze Erinnerungen, die über ein beiläufiges Kennen hinausreichen. Zu all dem gesellt sich das Vergessen, eher stärker nach all den Jahren, sodass ich auch an die Worte von Claudel aus Le Bottin de Josaphat denke ... Aber, glücklicherweise bleiben genügend Lebende, um die Erinnerungen noch mit dem Gegenwärtigen zu nähren.
 
Von einem weniger persönlichen, einem distanzierteren Standpunkt aus neige ich dazu, diese Porträts in zwei gut unterschiedene Kategorien zu klassifizieren: die augenblicklichen, in voller Aktion erfassten, direkten Zeugen, in einer professionellen Geste erfassten, sie zeigen ein nicht verschönerndes starkes Verhalten; und zweitens die – wahrscheinlich nicht weniger augenblicklichen –, die einen Moment der Ausblendung annehmen, ein Pose, provozierend auch durch das Zurschaustellen oder das Misstrauen.

Oftmals, vor der Probenarbeit mit einem Orchester, fragt mich der Fotograf, ob ich das Aufnehmen während der Arbeit gestatte, und ich antworte darauf immer: ja, vorausgesetzt, es gibt keine Störung der Kommunikation, die ich mit den Musikern unterhalten muss. Denn bald darauf verstricken wir uns vollständig in die Arbeit, tauchen ohne Beschränkungen in das Œuvre ein, und noch viel schneller und tiefer, wenn ein großes technisches Werk wiederzugeben ist. Das Objektiv des Fotografen und der Fotograf selbst verschwinden also vollständig in der mentalen Landschaft, was zur Folge hat, dass man in ganz und gar unmittelbarer Art gleichsam „zutage gebracht“ wird.

Die anderen Porträts sind nicht weniger aufschlussreich. Ich habe von Zurschaustellung und dem Misstrauen gesprochen – was, vielleicht, leicht übertrieben ist. Aber, immerhin ist das Sujet dem Objektiv und der Person, die es bedient, absolut bewusst. Das bringt notwendigerweise eine Einstellung hervor, die ist, wie sie ist, aufschlussreich und bezeichnend, wenn nicht hinsichtlich des Charakters einer beobachteten Person, dann wenigstens hinsichtlich seiner Reflexe, auf die sie zurückgreift, um „Gesicht zu zeigen“.

Man könnte sich hierbei auch noch an weniger beachtenswerten Domänen orientieren: einerseits jenen Künstlern, welche daran gewöhnt sind fotografiert zu werden, den Interpreten der Oper, die sich unter anderem selbst für ein bestimmtes Verhalten entschieden haben – ihr „Gesicht zeigen“ ist Mühelosigkeit durch Gewöhnung. Auf der anderen Seite die Künstler, Komponisten zum Beispiel, die in ihren Domizilen, wo sie sich beschützt fühlten, erfasst wurden, von einer anderen Seite erfasst, jene der familiären Umgebung: Diese Umgebung beschreibt sie gleichermaßen, wie diese sie auch absorbiert.

Der Fotograf ist ein Jemand, ein stummer und privilegierter Diskursteilnehmer, mit dem die Porträtierten einen kurzzeitigen Pakt schnüren. Es ist sein Talent, das „Richtige“ zu sehen, den Augenblick einzufangen, wo alle Parameter vereint sind, um so nicht nur das Unverdächtige zu enthüllen – es ist selten seine Rolle – das der Augenblick den Augenblick überlebt: der Augenblick ist nicht erstarrt, aber erfasst. Ob er sich dem professionellen Augenblick oder dem Augenblick des Alltags widmet, die Porträts sind eine „gewählte Landschaft“, um Paul Verlaine zu zitieren. Diese Landschaft, man flaniert darin, man bleibt stehen, betrachtet die Details, analysiert sie, man synthetisiert sie, kurzum, man fügt eine Zeitdimension hinzu, welche diese stillstehende Gegenwart bereichert.

Dieses Album von Marion Kalter durchzublättern ist mehr als nur Porträts von Musikern zu betrachten, tote Landschaften zu sehen (Instrumente oder Partituren), es ist eine tiefe Verbindung einzugehen mit der unergründlichen Welt der Musik und der Musiker.
 
Pierre Boulez
Paris, Dezember 2006

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