Die Frage nach dem Gewissen.

Vortrag im Rahmen des FH-Forschungsforums in Wien.

1849 erhebt Henry David Thoreau das Wort beziehungsweise die Feder und fordert ohne jede Zurückhaltung den Ungehorsam gegenüber dem Staat. Kühn notierte er, dass die beste Regierung diejenige ist, welche gar nicht regiert, und ergänzte selbstbewusst, dass wenn die Menschen einmal reif dafür sein werden, dann wird dies die Form ihrer Regierung sein. Ist der Mensch seither reifer geworden? Die Antwort auf diese Frage ist rasch gefunden: Nein, auf keinen Fall. Allein dasjenige, was mittlerweile als Ereignis bezeichnet wird, unterstreicht diesen unerträglichen Befund. Die Verdinglichung hat zugeschlagen und es bedarf nicht erst des Radiogespräches von 1969 mit Herrn Theodor Wiesengrund Adorno über die Erziehung zur Mündigkeit[1], um die Diagnose Thoreaus zu unterstreichen. Die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts spricht bedauerlicherweise eine deutliche Sprache: Der Mensch ist nicht reif für eine Thoreau’sche Version des Regiert-Werdens und schon gar nicht ist es gelungen, die Rahmenbedingungen für eine entsprechende Erziehung zur Mündigkeit zu manifestieren.

 

Die Willensbildung eines jeden Einzelnen ist ein zentraler Eckpfeiler einer jeden Demokratie. Doch mittlerweile ist das Anrecht auf eine individuelle Willensbildung zu einem leisen Appell verstummt, und schon gar nicht wird dieses Anrecht ausgeprägt und unwidersprochen in den alltäglichen Rang einer Forderung gehoben. Wir begnügen uns mit politischen Lippenbekenntnissen und mit dem naiven Glauben an das Glück, das uns ereilt, wenn wir weiterhin unser wohlbekanntes Funktionärsdasein fristen. Lebe weiterhin in Funktion der politischen Apparate, begehre nicht, aber konsumiere. Gegen ein Missverhältnis vorzugehen ist aus der Mode gekommen. Vorgehen ist sehr nahe am Vortreten und das heißt auch aus der Reihe treten. Also: Gesehen werden, auch wenn man schweigt. Thoreau ist vor-gegangen; vor-getreten, obwohl er sich zurückzog. Und die Instanz, die ihn antrieb, begleitete, derer er sich bediente und von der wir alle schon gehört haben, trägt einen mittlerweile antiquierten Namen. Die Rede ist vom Gewissen.

 

Kann es nicht eine Regierung geben, in der nicht die Mehrheit über richtig und falsch befindet, sondern das Gewissen? Der Bürger muss sein Gewissen nicht dem Gesetzgeber überlassen. Wozu hat denn jeder Mensch ein Gewissen? „Ich finde, wir sollten erst Menschen sein und danach Untertanen. Man sollte nicht den Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit.“ (Thoreau 2012: 13) Thoreau hat erkannt, dass Gesetze noch keinen Menschen gerechter gemacht haben. Gerechtigkeit ist in diesem Kontext dem Respekt vor dem Gesetz voranzustellen, damit der Mensch nicht zu Handlangern des Unrechts wird. Die gesetzestreuen Handlungen sind oftmals auch Handlungen wider den gesunden Menschenverstand. Der Autor von Walden oder Leben in den Wäldern hegte die Hoffnung, dass gewissenhafte Menschen sich zu einer Vereinigung mit Gewissen verbinden. Diese Vereinigung steht der gewissenlosen Masse gegenüber. Der Gedanke an eine Vereinigung mit Gewissen ist charmant, aber ist er realistisch? Wir schreiben das Jahr 2015 und der traurige Befund, dass das Gewissen verschwunden ist, muss einer sorgfältigen und intensiven Reflexion unterzogen werden. Die gute Nachricht schon jetzt: Der negative Befund ist zu korrigieren, das Gewissen hat die fahrlässigen Zeiten überdauert und hat nie aufgehört, seine Botschaften zu platzieren. Dies zeigt sich beispielsweise in dem Engagement der Zivilgesellschaft. Diese hat verstanden worauf der Medienphilosoph Vilém Flusser hingewiesen hat. Flüchtlinge sind als positive Identitäten zu betrachten.

 

 

Das vorausliegende Gewissen

Wissen steht unter der Voraussetzung von Bedürfnis, Willen und Beharrlichkeit allen offen. Diese Annahme artikulierte der französische Philosoph Jacques Rancière. Ob es tatsächlich allen offensteht, mag durchaus ein berechtigter Diskussionspunkt sein. Ich neige dazu, mich an die Seite Rancières zu stellen, um ihm meine Unterstützung zu bekunden. Bedürfnis, Willen, Beharrlichkeit. Drei wundervolle Eigenschaften des vorausliegenden Gewissens. Ja, die Rede ist von einem vorausliegenden Gewissen. Eines, welches subtil existiert, im Menschen geheimnisvoll verortet ist und entgegen allen Erwartungen und Prognosen nicht aufgehört hat voranzuschreiten. Vielleicht werden wir es niemals mehr einholen, aber wir können auf jeden Fall die Distanz zwischen uns und dem Gewissen verringern. Das Gewissen läuft nicht davon, ist nicht auf der Flucht, so wenig wie es an einem Ort verharrt und wartet, bis jemand es konsultiert. Es vollzieht dynamische Bewegungen, erkundet pausenlos, besucht Grenzen, lotet diese aus: überschreitet und nomadisiert. Dabei verliert es hin und wieder die Orientierung. Auch wenn alle Wege bereits hundertfach beschritten wurden, ohne Sicht auf die altbekannten Orientierungspunkte wird jede Abzweigung zur schier unüberwindlichen Herausforderung. Unabhängig davon, ob das Gewissen mit laufenden Korrekturen seines eigenen Weges beschäftigt ist, es braucht sich in keinem Fall zu verstecken. Es muss und, zu unser aller Wohl, will gesehen werden, positioniert sich, exponiert sich. Seine Energie ist herzzerreißend.

 

Zusammenfassung

Durch den Fokus auf  die Frage nach dem Gewissen, wird versucht die ethische und moralische Dimension des Panelthemas in ein konkretes Licht zu setzen. Die Politik hat „vielfach“ versagt, die Zivilgesellschaft oftmals auch. Die „mediale Verfasstheit der Berichterstattung und der politischen Öffentlichkeitsarbeit“ ist im selben Moment schlicht als „erbärmlich“ zu beschreiben. Die politischen Akteure, die Vertreter_innen der schwindenden „Vierten Gewalt“ als auch die Zivilgesellschaft müssen erkennen, dass wenn Migration, Flucht und Integration nicht weiterhin ein „Angstthema“ bleiben soll, wir die geheimnisvolle unhintergehbare menschliche Instanz des Gewissens  einer breiten Diskussion zufügen müssen.

 

 

 

Literatur

Adorno, Theodor W. (1971): Erziehung zur Mündigkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Adorno, Theodor W. (2001): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Agamben, Giorgio (2003): Die kommende Gemeinschaft. Berlin: Merve.

Aurel, Marc (1992): Selbstbetrachtungen. Frankfurt am Main: Insel.

Bachelard, Gaston (1985): Psychoanalyse des Feuers. München: Carl Hanser.

Bataille, Georges (1994): Das Unmögliche. Frankfurt am Main: Fischer.

Dante, Alighieri (1991): Die göttliche Komödie. Zürich: Diogenes.

Davis, Oliver (2014): Jacques Rancière. Eine Einführung. Wien: Turia + Kant.

Emerson, Ralph Waldo (1988): Natur. Zürich: Diogenes.

Foucault, Michel (1996): Der Mensch ist ein Erfahrungstier. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Mühlmann, Heiner (2011): Die Natur der Kulturen. München: Wilhelm Fink.

Serres Michel (2009): Das eigentliche Übel. Berlin: Merve.

Thoreau, Henry David (2012): Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. Zürich: Diogenes.

Thoreau, Henry David (2004): Walden oder Leben in den Wäldern. Zürich: Diogenes.

Trojanow, Ilija (20134): Der überflüssige Mensch. Salzburg: Residenz.


[1] Bei Erziehung zur Mündigkeit handelt es sich um ein Gespräch mit Theodor W. Adorno

im Hessischen Rundfunk. Es wurde am 13. August 1969 gesendet und ist später bei Suhrkamp erschienen.


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